Die neue Fujifilm X-H2 und das XF 150-600mm 5.6-8 LM OIS WR im Test

In der Wildtierfotografie geht es mir darum, einen speziellen Augenblick festhalten zu können. Hier darf ich als Fotograf keine Fehler machen, sonst ist die Gelegenheit für ein einzigartiges Bild vorbei. Von meiner Fotoausrüstung erwarte ich, dass diese mich dabei bestmöglich unterstützt. Nach vielen Jahren mit Spiegelreflexkameras habe ich vor einigen Jahren auf Fujifilm X System gewechselt. Die ersten Fotografien entstanden mit der X-T3 und dem XF 100-400mm 4.5-5.6 LM OIS WR. Später habe ich dann das Fujifilm XF 200mm F2 mit dem mitgelieferten 1.4x Telekonverter gekauft, welches nicht mehr aus meiner Fotoausrüstung wegzudenken ist. Rechne ich den Telekonverter x1.4 und den Cropfaktor hinzu, komme ich bei diesem Objektiv auf eine Brennweite von ca. 420mm (KB) mit einer Blendenöffnung von 1:2.8. Dieses Objektiv bietet dem Fotografen eine unglaubliche Bildschärfe und mit der grossen Blendenöffnung auch die Möglichkeit Tiere vor dem Hintergrund schön freizustellen. Für die meisten grösseren Tiere ist dieses Objektiv hervorragen. Was mir in der Palette von Fujifilm gefehlt hat ist ein Objektiv mit grösserer Brennweite.

Nun hatte ich im Juli die Möglichkeit die neue X-H2s und das XF 150-600mm 5.6 – 8 LM OIS WR von Fujifilm für ein wenig mehr als eine Woche zu testen. Für mich persönlich zu wenig Zeit, dass ich darüber einen sinnvollen Erfahrungsbericht schreiben konnte. Nun habe ich aber mein eigenes XF 150-600mm Objektiv erhalten und konnte damit einige Eindrücke Sammeln.

LInks die Fujifilm X-H2s mit dem XF 150-600mm und rechts die X-T4 mit dem XF 200mm F2

Mir gingen vor den Test folgende Fragen durch den Kopf:

  • Besitzt die X-H2s wirklich einen deutlich schnelleren Autofokus als meine X-T4
  • Wie gut ist die Motiverkennung der Kamera?
  • Liegt mir die Kamera gut in der Hand und wie ist das Handling?
  • Bleibt die Qualität des XF 150-600mm auch bei grossen Brennweiten gut und ist das neue Tele besser als das XF 100-400mm 4.5-5.6 LM OIS WR mit oder ohne Konverter?
  • Wie gut kann ich mit der beschränkten Lichtstärke von 5.6-8 meine Wildtiere fotografieren?

Diese Fragen möchte ich euch nun beantworten.

Besitzt die X-H2s wirklich einen deutlich schnelleren Autofokus als meine X-T4?

Diese Frage war mir sehr wichtig. Die Geschwindigkeit des Autofokus ist bei spontanen Motiven in der Natur häufig entscheidend. Mit dem Autofokus der X-T4 war ich eigentlich immer sehr zufrieden und bin auch heute noch der Meinung, dass dieser für viele Arten der Fotografie immer noch sehr schnell und zuverlässig ist. Mir ist im letzten Jahr aber auch nicht entgangen, dass die Konkurrenz von Fujiflm neue Kameras mit schnellerem Autofokus auf den Markt gebracht hat. Der neue BSI- Stacked APS-C Sensor ermöglicht eine deutlich schnellere AF-Berechnung. Dies merkt man auch in der Praxis sofort. Es ist ein richtiger Boost. Besonders fällt mir dies auf, wenn ich Vögel im Flug fotografiere. Häufig wird hier die ganze Range des Fokus genutzt. Dies habe ich an fliegenden Schwalben ausprobiert, welche mit offenem Schnabel über einen Tümpel geflogen sind. Wer dieses Schauspiel schon mal beobachtet hat, weiss wie schnell und unberechenbar diese kleinen Vögel fliegen. Die X-H2s hat doch einige Anflüge mit Serienbild scharf aufzeichnen können. Es sind zwar lichttechnisch nicht die tollsten Bilder, zeigen aber was der Autofokus kann. Mit der X-T4 wären solche Bilder nur mit viel vorausschauen und Glück möglich gewesen. Mit dem ES (Elektronischer Verschluss) Lassen sich für solche Situationen bis zu 40 Bilder pro Sekunde aufnehmen.

Eine sehr schwierige Aufnahmesituation für den Aufofokus. Mit ein wenig Übung sind solche Aufnahmen aber möglich.

Wie gut ist die Motiverkennung der Kamera?

Wie habe ich diese Motiverkennung herbeigesehnt! Endlich kann ich mich beim Fotografieren von Tieren auf den Bildaufbau konzentrieren und muss nicht immer noch zusätzlich schauen, dass der Fokus auf dem Auge des Tieres ist. Ich habe die Motiverkennung der X-H2s für Säugetiere und für Vögel ausprobiert. Motive werden nun so erkennt, dass als prioritär die Silhouette eingerahmt und fokusiert wird. Wird dann für die Kamera ein Auge sichtbar, geht der Fokus auf das Auge des Tieres. Bei Säugetieren funktioniert das sehr zuverlässig. Auch bei schwachem Licht ist der Fokus genau dort wo man ihn gerne haben möchte. Wie auch schon bei früheren Kameras ohne Motiverkennung, kann der Fokusbereich auch bei eingeschalteter Motiverkennung verkleinert oder vergrössert werden. Dies hilft, wenn man sich auf einen gewissen Bereich im Bild konzentrieren möchte. Auch bei Vögeln funktioniert das ganze gut. Das Auge wird meistens sofort erkennt. Einen Vogel im Flug zu fotografieren verlangt vom Autofokus aber einiges mehr als bei statischen oder beweglichen Säugetieren. Vögel im Flug werden zuverlässig erkennt. Problematisch wird die Motiverkennung eigentlich nur, wenn ein Vogel vom blauen Himmel schnell vor einen unruhigen Hintergrund mit Bergen und Tannen taucht.
Andere Motive wie Autos und Flugzeuge konnte ich nicht testen.
Die Motiverkennung ist neben den verschieden gross einstellbaren AF-Messfeldern jedenfalls ein grosser Mehrwert.

Besonders bei schwierigen Motiven wie diesem Falken, bei welchen die Zeit fehlt ist die Motiverkennung super. Ich kann mich auf das Motiv konzentrieren und brauch nicht Angst zu haben, dass der Fokus nicht sitzt.

Liegt mir die Kamera gut in der Hand und wie ist das Handling?

Ich gebe zu, die Rädchen an der X-T4 habe ich schon sehr geliebt. Alles schnell und einfach einstellen ohne eine Taste oder ein Menü zu nutzen. Nun hat mir Fujifilm diese Rädchen auf den ersten Blick weggenommen. Dieses Konzept mit dem Haupteinstellrad P,A,S,M kenne ich aber bereits seit meinem Wechsel im letzten Jahr von der GFX50s zur GFX100s wenn ich Landschaften fotografiere.
Ich brauchte einen Augenblick, bis ich mich an das fehlende Rad für die Belichtungskorrektur oder den fehlenden Schalter für die verschiedenen Fokus-Modi gewöhnt hatte. Solche Änderungen zu lernen sind immer etwas unbequem. Wenn ich es mir dann im Beispiel mit diesen Funktionen noch Mal genau überlege, so muss ich sagen, dass Fujifilm hier eigentlich genau richtig entschieden hat. Im Fall der Belichtungskorrektur kann ich nun einfach das hintere Einstellrad drehen. Eigentlich hat sich kaum was geändert. Im Fall der Taste für die verschiedenen Fokus-Modi, bringt es den Vorteil, dass ich diese Taste bei Bedarf auch mit einer anderen Funktion belegen kann, was mit dem Schalter nicht möglich war. Bei der X-H2s ist es möglich sehr viele Tasten und Funktionen individuell nach seinem Schaffen zu belegen. Dies mag ich am neuen Konzept sehr. Wie auch schon an der GFX100s findet man neu auch an der X-H2s das Hilfsdisplay mit den wichtigsten Informationen und den neuen grossen Joystick für ein angenehmes Auswählen oder Umschalten der Fokusfelder.
Während meiner Testzeit hatte ich an der Kamera den Batteriegriff VG-XH montiert. Gerade mit schweren Teleobjektiven wird die Balance damit besser und es ist angenehmer damit zu Arbeiten. Nebenbei hat der Batteriegriff auch den Vorteil zwei weitere NP-W235 Akkus neben dem in der Kamera eingesetzten Akku einzusetzen. Am Abend kann ich die Kamera mit dem Griff einfach über USB aufladen und alle drei Akkus sind am Morgen wieder aufgeladen.

Bleibt die Qualität des XF 150-600 mm auch bei grossen Brennweiten gut und ist das neue Tele besser als das XF 100-400mm 4.5-5.6 LM OIS WR mit oder ohne Telekonverter?

Auf Reisen hatte ich schon vor langer Zeit solche Superzooms im Einsatz. Im Wissen, dass die meisten dieser Objektive bei den grossen Brennweiten häufig an Schärfe und Kontrast verlieren (dies gilt auch beim XF 100-400mm), war ich beim Test des Objektivs sehr gespannt. Damit das Objektiv neben der grösseren Brennweite auch wirklich einen Mehrwert in meiner Fototasche bietet, muss es optisch besser sein als mein XF 100-400mm 4.5-5.6 LM OIS WR. Bereits bei den Aufnahmen in den Bergen bei den Wildtieren hatte ich den Eindruck, dass die Bildschärfe des XF 150-600mm doch um einiges besser ist.

Ich wollte es aber noch genau wissen.
Für diesen Vergleich habe ich die Kamera auf ein Stativ gesetzt und den Bildstabilisator ausgeschaltet. Die Bilder sind im weiteren weder vor- oder nachgeschärft.

In Lightroom habe ich die Bilder mit ähnlicher Brennweite und Blende dann verglichen.
Bei diesen Bilder sehen wir die Bildqualität bei 400mm Brennweite

Bereits bei einer effektiven Brennweite von ca. 400mm wird deutlich sichtbar, dass vor allem die Bildränder beim XF 150-600mm deutlich schärfer sind.
Wenn wir dann den 100% Bildausschnitt betrachten wird diese Einschätzung absolut bestätigt.


Bereits in der Bildmitte, aber vor allem am Rand des Objektivs wird bereits bei 400mm Brennweite sichtbar, dass das neue XF 150-600mm deutlich mehr Bildschärfe und Kontrast bietet.
Ich habe bewusst darauf verzichtet, noch andere Blenden zu vergleichen. Für Tieraufnahmen will ich die Blende nicht noch mehr als Blende 8 schliessen müssen.

Nun wollte ich aber auch noch wissen, wie der Qualitätsunterschied aussieht, wenn die Brennweite vergrössert wird. Dafür habe ich beim XF 100-400mm den 1.4x Telekonverter genutzt und die Brennweite auf 560mm verlängert. Beim XF 150-600mm habe ich ebenfalls die Brennweite auf ca. 560mm eingestellt.

Wenn dan beim XF 100-400mm noch der 1.4x Konverter genutzt wird ist der Qualitätsunterschied dann schon gewaltig.
Es hatte schon einen guten Grund, warum ich das XF100-400mm eigentlich nie mit dem Konverter genutzt habe. Das neue Objektiv sieht aber wirklich sehr gut aus.

Hier ist der Qualitätsunterschied extrem sichtbar. Während das XF 150-600mm immer noch eine gute Randschärfe zeigt, wird das XF 100-400mm weich und schwammig. Für mich ist daher klar. Das XF 150-600 mm 5.6-8 LM OIS WR hat das alte XF 100-400mm in meiner Fotoausrüstung ersetzt. Trotz seiner doch relativ langen Baugrösse ist es schon rein von der optischen Qualität ein logischer Ersatz für das in die Jahre gekommene XF 100-400mm 4.5 – 5.6 LM OIS WR.

Wie gut kann ich mit der beschränkten Lichtstärke von 5.6-8 meine Wildtiere fotografieren?

Häufig fotografiere ich Wildtiere am Morgen oder am Abend in der Dämmerung. Hier werde ich beim XF200mm F2 natürlich verwöhnt. Auch mit dem 1.4x Konverter komme ich hier immer noch auf eine komfortable Lichtstärke von 2.8. Besonders bei Tieren, welche sich bewegen braucht es eine schnelle Verschlusszeit. Damit die ISO-Zahl nicht sehr hoch eingestellt werden muss und Bildrauschen entsteht, ist eine grosse Blendenöffnung von Vorteil. Wie stark das Bildrauschen wird, kommt natürlich auch auf die Kamera an. Bereits die X-T4 war aus meiner Sicht eine gute Kamera und konnte in schwierigen Lichtsituationen mit guter Qualität bis 3200 ISO genutzt werden. Die X-H2s spielt hier in einer ähnlichen Liga. . Mit dem XF 150-600mm werde ich in der Dämmerung kaum fotografieren gehen. Bei Verschlusszeiten von 1/250s ist man bei diesen schwierigen Lichtsituationen häufig bei ISO 12800. Diese hohe ISO-Zahl deckt sich nicht mit meinen Qualitätsansprüchen. Sobald aber das erste Sonnenlicht da ist, kann mit der flexiblen Brennweite des Objektivs super fotografiert werden. Ich sehe das XF 150-600mm für mich als ideale Ergänzung zum XF 200mm und werde dieses vor allem für Vögel und Tiere mit grosser Fluchtdistanz einsetzen.
Mit einer Naheinstellgrenze von 2,4 Meter kann das Objektiv auch gut tief am Boden für kleinere Tiere eingesetzt werden. Mein Testmotiv war hier ein kleiner Hamster, welcher mit dem grossen Zoombereich sehr gut zu fotografieren war.

Dieses Bild wurde mit ISO 2000 und einer Verschlusszeit von 1/500s. aufgenommen.

Mein Fazit

Sowohl die X-H2s wie auch das XF 150-600mm 5.6-8 LM OIS WR sind bereits Bestandteil meiner Fotoausrüstung. Bei der Kamera sind es vor allem der schnellere Fokus, die Motiverkennung und auch der schnellere Prozessor, welcher auch schnelle Verschlusszeiten mit dem elektronischen Verschluss ohne Rolling Shutter Effekt zulassen. Die Kamera ist ein kleines Kraftpaket, welches mir gut in der Hand liegt. Für schnelle Bildserien oder auch Video in hoher Auflösung ist sicherlich auch die neue CFExpress-Speicherkarte eine gute Wahl. In der noch kurzen Zeit in der ich die Kamera nutze konnte ich sicherlich noch nicht alles testen. Gespannt bin ich persönlich auch auf die Performance im Bereich Video. Bald fliege ich ja nach Namibia, dann werde ich das ein oder andere ausprobieren können.
Beim XF 150-600mm 5.6-8 LM OIS WR bin ich sehr positiv überrascht von der Bildqualität. Es ist um einiges besser als das XF 100-400mm 4.5 – 5.6 LM OIS WR und bietet erst noch eine grössere Brennweite. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass das Objektiv kompakter gebaut werden könnte. Der Vorteil des Innenzooms gegenüber einem Zoom-Objektiv, welches ein- und ausfährt ist aber sicherlich der bessere Staub- und Wetterschutz. Das Gehäuse macht einen sehr robusten und wertigen Eindruck. Ich bin mir sicher, dass ich mit diesem Objektiv in den nächsten Jahren einige tolle Wildtierbilder aufnehmen werde.

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©Patrik Oberlin 2021
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