Was ist nur aus meiner geliebten Landschaftsfotografie geworden?

/

In den vergangenen Wochen habe ich intensiv über Fotografie, insbesondere Landschaftsfotografie, nachgedacht. Wenn ich heute die Beiträge auf Instagram, Facebook oder anderen Plattformen anschaue, finde ich kaum noch echte, schöne Landschaftsaufnahmen. Stattdessen begegnen mir hauptsächlich KI-generierte Videos und Bilder, die mich zunehmend abschrecken. Dieses Phänomen ist für mich Anlass, die Veränderungen in der Fotografie näher zu betrachten. Mir ist klar, dass ich mit diesem Blogartikel die Entwicklung nicht stoppen kann, doch ich möchte meine Eindrücke teilen und erklären, weshalb ich gerade die Landschaftsfotografie weiterhin so sehr liebe.

Die Landschaftsfotografie als Nische. (vor ca. 20-25 Jahren)

Die Landschaftsfotografie als Nische. (vor ca. 20-25 Jahren)
Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Im schönen Oberthal im Kanton Bern mit einer wunderbaren Aussicht auf die Berner-Alpenkette. Für mich war die natürliche Landschaft schon immer was Spezielles und ich habe viel Zeit in der Natur verbracht. Als ich meine erste Kamera im Jahr 1998 gekauft habe, war die Landschaft bereits mit Negativ und Dia eine Motiv, das ich sehr gemocht habe. Vor allem mochte ich die ruhigen Stunden im Wald oder am Waldrand alleine mit meiner Kamera. Nachdem ich meine Ausbildung in der Fotografie im Jahr 2004 abgeschlossen hatte, interessierte ich mich zunächst kaum für die Landschaftsfotografie. In dieser Zeit lag mein Fokus mehr auf anderen Bereichen wie der Porträtfotografie, experimenteller Fotografie und ähnlichen Themen. Erst im Jahr 2008 begann ich mich für die Landschaftsfotografie zu begeistern. Damals unternahm ich eine Reise in die USA, genauer gesagt in den Mittleren Westen, und hatte das Glück, einige wunderschöne Nationalparks zu besuchen. Besonders der Antelope Canyon in Arizona faszinierte mich zutiefst und markierte irgendwie den Startschuss für meine Leidenschaft zur Landschaftsfotografie. 

Als ich mit der Landschaftsfotografie begann, gab es nur wenige Fotografen in diesem Bereich. Aus meiner heutigen Sicht war die Landschaftsfotografie damals etwas sehr Abenteuerliches und wenig Verbreitetes. Es war ganz einfach gesagt eine Nische. Wie bereits zu analogen Zeiten gab es jedoch einige sehr gute Landschaftsfotografen. Die Bilder dieser Fotografen betrachtete ich damals nicht im Internet, sondern in hochwertigen Bildbänden, in Zeitschriften wie National Geographic oder in Ausstellungen an der Wand. All diese Bilder faszinierten mich sehr und weckten in mir ein starkes Fernweh. Viele dieser Orte waren für mich damals völlig unbekannt und unerreichbar. In dieser Zeit sind meine beiden Söhne zur Welt gekommen und ich konnte mir damals keine grossen Reisen leisten. Somit bin ich nach Möglichkeit in die Berge gefahren und habe auf Wanderungen unsere Natur in der Schweiz fotografiert. 

Die Landschaftsfotografie wird populär. (vor ca. 15 Jahren)

Die Kameraausrüstungen waren zu dieser Zeit sehr kostspielig und die guten Spiegelreflexkameras wie z.B die Canon EOS 5D oder die Nikon D800 kosteten mit guten Objektiven viel Geld. Aber genau diese Kameras waren aus meiner Sicht der Startschuss zu einer neuen Art der Landschaftsfotografie. Die Auflösung, die Farbwiedergabe und vor allem der Dynamikumfang der Kameras waren plötzlich so gut, dass auch Aufnahmen in schwierigen Lichtsituationen gegen das Licht möglich wurden. In dieser Zeit war ich immer häufiger draussen in der Natur, vor allem in meinen geliebten Bergen. Die Faszination für Landschaften, Lichtstimmungen und das Wetter wurde so richtig geweckt! Ich nutzte jede mögliche Minute, um draussen fotografieren zu können. Für mich war schon damals ganz klar, dass ein gutes Landschaftsbild in der Kamera entsteht und nicht in Photoshop. Ich habe damals viel gelesen und habe mein Handwerk hinter der Kamera und am Computer für die Bildentwicklung immer mehr verfeinert. Im Fotogeschäft, in dem ich arbeitete, stieg die Nachfrage nach Fotozubehör für die Landschaftsfotografie, und ich nutzte diese Touren vor allem, um neues praktisches Fotozubehör wie Stative, Filter, Fotorucksäcke und vieles mehr zu testen und den Kunden anzubieten. Nur was in der Praxis auch funktionierte und gut war, nahm ich ins Sortiment auf.

(In den Bergen ist für mich die Freiheit grenzenlos)

In dieser Zeit lernte ich auch viele neue Gesichter kennen! Fotografen wie Martin Mägli, Stefan Forster, Tobias Ryser, Melanie Weber und viele mehr (bitte entschuldige, wenn ich dich hier nicht aufgeführt habe) inspirierten mich mit ihren Fotografien, Multivisionsshows und Büchern. Mit einigen Fotografinnen und Fotografen konnte man damals auch sehr gut zusammenarbeiten und verschiedene Synergien in Form von Events mit Vorträgen, gemeinsamen Kursen oder Bilderausstellungen realisieren. Damals fanden tolle Fotoevents statt, wo auch neue junge Landschaftsfotografinnen und Landschaftsfotografen teilnahmen. Die Landschaftsfotografie und draussen in der Natur zu sein war plötzlich populär! 
Zusätzlich angefacht wurde der Hype in der Landschaftsfotografie durch die verschiedenen Sozial-Mediakanäle wie Facebook, Instagram und ähnliche Kanäle. Der Austausch in den Gruppen war am Anfang wirklich schön und es herrschte (natürlich bis auf einige Ausnahmen) ein angenehmer und respektvoller Umgang unter den verschiedenen Fotografinnen und Fotografen. In dieser Zeit haben auch viele junge Fotografinnen und Fotografen die Landschaftsfotografie oder eben die Natur für sich entdeckt. Meine Fotokurse und Fotoworkshops nahmen in dieser Zeit stark zu. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sehr interessiert daran, wie sie ihre Fotografie mit den neuen Techniken verbessern konnten und vor allem auch, wie die Landschaftsfotografie funktionierte. Es fand mindestens einmal im Monat ein Grundlagenkurs statt. Neu im Programm hatte ich ab 2014 erstmals den Landschaftsfotografie-Workshop auf der Engstligenalp, den ich auch heute noch anbiete.

(Einige wenige Bilder aus dieser Zeit)

Der Landschaftsfotografie-Hype (vor ca. 5-10 Jahren)

In dieser Zeit durfte ich einige wunderschöne Reisen nach Island, Nordamerika, Norwegen, Afrika und einige andere Orte machen und machte nebenbei immer noch viele Touren in der Schweiz. Die Landschaftsfotografie war für mich in dieser Zeit zu etwas wirklich wichtigem geworden. Einerseits verdiente ich mit den Kursen und Workshops, dem Verkauf von Bildern und dem Fotozubehör meinen Lebensunterhalt und andererseits gab es für mich nichts schöneres als neue Orte zu entdecken, am Morgen in der Früh in den Bergen aus dem Zelt zu schlüpfen und mir Zeit bei der Landschaftsfotografie zu nehmen. Alleine, gemeinsam mit anderen Fotografen und vor allem mit Urs Schüpbach habe ich in dieser Zeit in den Bergen viele Höhenmeter gemacht und wundschöne Landschaften fotografiert.
Viele junge Fotografinnen und Fotografen haben in dieser Zeit mit der Landschaftsfotografie gestartet.

(Ein Fondue hoch in den Bergen gehört für mich auch zur Landschaftsfotografie)

Jeder Trend hat aber eben auch seine Schattenseiten! Durch die neuen tollen Bilder im Internet wollte nun plötzlich jeder sein Bild von einem bekannten «SPOT» machen. Orte, an denen ich früher ganz alleine war, wurden zum Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang von mehreren Fotografen besucht. Dies alleine wäre ja noch ganz ok, denn die Fotospots gehören ja nicht mir. Aber eben nicht jeder hatte das Feingefühl für die Natur und den Umgang mit anderen Menschen. Einige Fotografen machten für das beste Bild und die Beste perspektive vor fast nichts halt. Trampelten empfindliche Pflanzen nieder, stellten ihre Stative in den Garten von Privathäusern oder machten sogar tödliche Unfälle bei Abgründen. Alles um noch ein besseres Bild von einem «Hot-Spot» zu bekommen. Nicht, dass es nicht genügend andere Orte gäbe, um schöne Bilder zu machen. Es ist und war für viele einfach der schnellste und einfachste Weg. Für viele war es in dieser Zeit nur wichtig, ein eindrückliches Landschaftsbild auf den Socialmedia-Plattformen hochzuladen um so viele Likes, Kommentare und Follower zu bekommen. Ich bin sogar so fies und sage, dass einige dieser Fotografen nicht wirklich Freude an der Landschaft und Landschaftsfotgrafie hatten und sich nur an den Reaktionen auf den Plattformen aufgeilten. Ich kann mich noch gut an einen jungen Landschaftsfotografen erinnern. Dieser hat in diesen Jahren schnell einige Landschaftsbilder auf seiner Plattform veröffentlicht und war schnell gewachsen. Er hat immer erzählt, wie er die Landschaft und Natur liebt. Als er nicht mehr genug Likes und Follower bekommen hat, hat er begonnen Autos zu tunen. Passt irgendwie nicht so zusammen oder? Auch der Ton auf den Sozialmedia-Plattformen hat sich zu dieser Zeit verändert. Der Ton wurde immer unfreundlicher und der Respekt und die Freundlichkeit wich Vorwürfen und zum Teil auch Beleidigungen. Jeder wollte der Beste sein. Es gab Diskussionen, wer den «Fotospot» zuerst entdeckt hat, warum diese Stimmung gar nicht so gewesen sein konnte und viele andere unschöne Diskussionen. 
Zusätzlich wurde der Hype sicherlich auch durch immer leichtere, leistungsfähigere und vor allem günstigere Kameras befeuert, die eine hervorragende Qualität boten. In diesen Jahren habe ich viele neue Fotoworkshops zum Thema Landschaftsfotografie angeboten. Die meisten davon biete ich auch heute noch an. Es sind auch viele neue Anbieter von Fotokursen, Fotoreisen und Fotoworkshops aufgetaucht. Einige sind verschwunden, andere sind immer noch da.

Eine Fotografie aus der Landschaft bekommt immer wie weniger Wert (in den letzten Jahren)

In den letzten Jahren habe ich nach wie vor Landschaften fotografiert und liebe diese Art der Fotografie immer noch sehr. Die letzten 2 Jahre hatte ich dafür manchmal weniger Zeit. Im letzten Jahr habe ich auch weniger Touren in den Bergen gemacht. Dies möchte ich in diesem Sommer aber unbedingt wieder ändern. Was mir persönlich bei der Landschaftsfotografie aber auffällt, dass auf den Onlineplattformen immer weniger schöne Landschaftsbilder zu sehen sind. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass immer weniger Fotografinnen und Fotografen Landschaftsfotografie betreiben. Auch finde ich immer wie weniger junge Fotografinnen und Fotografen, für die Landschaftsfotografie ein neues tolles Hobby ist. (Falls du eine jüngere Landschaftsfotografin oder ein junger Landschaftsfotograf bis und diesen Text liest, dann schreibe mir doch. Ich würde mich gerne mit dir auszutauschen.) Auf Instagram und Facebook habe ich vor kurzem eine kleine Umfrage gemacht. Dort habe ich gefragt, wer aktiv Landschaftsfotografie betreibt und davon älter als 40 Jahre ist. Von den Teilnehmenden der Umfrage, die Landschaftsfotografie als Hobby oder Beruf betreiben, waren 81% über 40 Jahre alt. Warum ist die Landschaftsfotografie plötzlich für viele Junge nicht mehr so spannend wie früher? Ich denke, es liegt an verschiedenen Ursachen. Es ist heute nicht mehr so einfach möglich mit einem guten Landschaftsfoto Aufmerksamkeit zu bekommen. Bilder, auch wenn diese fotografisch hochstehend sind, bekommen auf den Plattformen kaum mehr eine Bühne durch den Algorithmus. Und somit bekommen die Fotografinnen und Fotografen eben auch keine Anerkennung mehr und keine Möglichkeit mehr sich zu profilieren. Es ist auch völlig verständlich, wenn man eine gewisse Wertschätzung erfahren möchte. Wenn man es so beobachtet, schauen sich viele Leute heute lieber KI-generierte Inhalte an. Sind wir ehrlich! Viele User dieser Plattformen sind heute kaum mehr in der Lage ein KI-generiertes Landschaftsbild von einer echten Fotografie zu unterscheiden. Auch mir fällt diese heute manchmal schwer. Älteren Fotografinnen und Fotografen ist dies vielleicht nicht ganz so wichtig. Sie zeigen Ihre Bilder vielleicht auch Mal in einem klassischen Format wie z.B als schön gedrucktes Bild an der Wand.
Neben der Anerkennung möchte ein junger Fotograf vielleicht auch Mal Geld mit der Landschaftsfotografie verdienen. Hier ist die Situation eben auch nicht besser geworden. Auf Stock-Plattformen können Bilder aus der ganzen Welt zu Tiefstpreisen im Abo heruntergeladen werden. Viele Firmen bedienen sich heute bei diesen Stockbildern oder greifen dann sogar auf KI-generierte Bilder zurück. Somit lässt sich eben auch mit der Landschaftsfotografie kaum Geld verdienen.

Warum sollte man nun aber trotzdem Landschaftsfotografie betreiben?

Ganz einfach! Weil es etwas wunderschönes ist! Landschaftsfotografie ist ein Hobby, welches dich an die frische Luft bringt. Sei dies nun auf einer Bergtour zu den höchsten Gipfeln oder auch nur in den Landschaften deiner Region. Sie lässt dich die Natur fühlen und du erlebst die Jahreszeiten und das Wetter ganz bewusst. Du wirst dabei Stimmungen erleben, die viele andere Leute niemals sehen werden. Ganz alleine hinter der Kamera draussen in der Natur gibt mir eine innere Ruhe. Wenn du es dann schaffst ein tolles Motiv zur richtigen Zeit in einer einzigartigen Wetterstimmung zu fotografieren und dann das fertige Bild als schönen Druck vor dir siehst, dann bin ich sicher, dass es jede Mühe wert war. Landschaftsfotografie ist für mich ein wunderschöner und ruhiger Ausgleich zu vielen anderen hektischen Tätigkeiten in meinem Leben.

(Ich wünsche euch viel Freude bei der Landschaftsfotografie)

Categories:

Tags:


Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Patrik Oberlin Fotografie

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen